Bummler

auch: Bummelant, Schlachtenbummler, Kolonialbummler, Weltenbummler, Erdenbummler

Das Bummeln ist als altes deutsches Wort tendenziell eher im Niederdeutschen zu finden mit den Bedeutungen von lärmendem Bimmeln wie eine Kuhglocke, schwingend wie eine Bommel, hängend und schwebend (`baumelnd´) und wird zuletzt übertragen auf das Schlendern als einem gemächlichen und ziellosen Hin und Her.

Erst im 19. Jahrhundert beschreibt es Menschen, die `bummeln´: den Bummler als ein neues Phänomen zwischen dem Flaneur und dem Vagabunden, und als lebenslustiges Stereotyp im sozialen Zwischenraum bürgerliche Werte infragestellend:

O welche Lust, zu bummeln
So arglos durch die Welt, 
Vorzüglich wenn im Beutel 
Dazu noch etwas Geld. 
Warum soll man nicht bummeln, 
Hier auf der Lebensbahn? 
Geht nicht mit manchem Beispiel 
Die Schöpfung uns voran?
"Der Bummler", ein Gedicht
Der Anecdotenjäger: Zeitschrift für das lustige Deutschland, 6 (1850) 194

Während aber der bürgerliche Flaneur sich solch einen Lebensstil leisten konnte und durfte, stellt sich die bürgerlicher Sicht 1835 anders dar:
»Müßiggang und Schlemmerei, weniger unverschuldetes Unglück, haben viel Armuth nach Halle gebracht, und um dieses recht augenscheinlich zu haben, darf man nur nach dem großen Markte gehen, und dort die sogenannten Bummler an den beiden ehernen Löwen … lehnen sehen, wie sie mit eckligem Heißhunger eine saure „Jurke“ verzehren, oder eine spekulative Betteljagd auf einen Fremden machen.« 1)

Die Studentensprache latiniserte ihn zum Bummelanten und damit zum sympathischen Vorbild des gepflegten Nichtstuns, der anderen jedoch eher als Taugenichts erscheint:
»Ich seh' ihn noch, die liebe Seele,
Wie er, ein flotter Bummelant,
Mit heiserm Ruf aus heisrer Kehle
Zu lenken jedes Herz verstand;
Wie hier, die Ärmel aufgestreift,
Er einen angetrunknen Zecher,
Betrunken selbst, nach Haus geschleift,
Und wieder rückgekehrt zum Becher;«
2)

Dann wird der Begriff des Bummlers zunehmend konturenlos und auf andere Gesellschaftskreise und Gruppen übertragen. Aus dem Bummler (lat. homo iners) als arbeitsloser Proletarier, der sich auf den Straßen herumtrieb, wird ein Müßiggänger, der die Arbeit scheut, ein träger Mensch, ein Faulpelz und Trödler, zuletzt ein Herumtreiber und Vagabund, aber auch:


1)
S. 58 Friedrich Mayer
Reiseskizzen aus Deutschland, Dänemark und Schweden.
Nürnberg 1835: Schneider und Weigel
2)
Studentenlust, S. 16 in: Strodtmann, Adolf Lothar: Zeitarabesken.
Philadelphia 1853: Strodtmann & Lorey
3)
Carl Vogt
Vorlesungen über den Menschen: Seine Stellung in der Schöpfung und in der Geschichte der Erde.
J. Ricker'sche Buchhandlung, 1863, S. 6
4)
Ferdinand Schmidt
Volkserzählungen und Schilderungen aus dem Berliner Volksleben.
Band 1 Breslau, 1868-69 Harun al Raschid in Berlin S. 33 ff.
5)
Heinrich Karl Wilhelm Berghaus
Der Sprachschatz der Sassen
Bd. 1 Berlin 1880: Eisenschmidt
6)
Kirchhoff, Theodor
Californische Kulturbilder. VIII, 376 S. Cassel 1886: Theodor Fischer. Hier S. 22
7)
5. März 1892, 188. Sitzung, Verhandlungen des Reichstags, Band 120, S. 4583 ff.
Zu den politischen Zusammenhängen siehe:
Herold, Heiko
Reichsgewalt bedeutet Seegewalt die Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine als Instrument der deutschen Kolonial- und Weltpolitik 1885-1901.
Diss Univ. Düsseldorf 2010. (=Beiträge zur Militärgeschichte, 74) München 2013: Oldenbourg.
8)
Pietro Mascagni
Aus dunklen Tagen
Wien 1893 : Dirnböck S. 13
9)
Gigon, Fernand
Henri Dunant [1828–1910].
Der Schöpfer des Roten Kreuzes.
Zürich 1942: Rascher, S. 61