Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:weltanschauung

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
wiki:weltanschauung [2023/07/26 04:23] Norbert Lüdtkewiki:weltanschauung [2026/04/15 16:33] (aktuell) – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden 217.113.194.104
Zeile 16: Zeile 16:
 Von Dichtern, Schriftstellern, Philosophen finden sich zahlreiche solcher Bonmots, die das [[wiki:reisen|Reisen]] loben. Dagegen wird es selten grundsätzlich verdammt, wie etwa von ''Blaise Pascal'' (1623-1662): //»Alles Unglück des Menschen kommt daher, daß er nicht ruhig in einem Zimmer verweilen kann.«// Viel häufiger sind die Warnungen vor der Ambivalenz des Reisens. Viele stimmen darin überein, dass die Disposition des [[wiki:reisende|Reisenden]] zur Reise darüber entscheidet, ob der [[wiki:reisende|Reisende]] bereichert zurückkehrt. Wer das Reisen lobt, lobt daher immer auch sich selbst und zweifelt daran, dass jeder es ihm gleich tun könne. Diese Überheblichkeit kontern Sesshafte skeptisch: //»Je weiter die Geschichte fliegt, je mächtiger sie lügt«// ((Das ''Voltaire'' zugeschriebene Bonmot// »Wer von weit her kommt, hat leicht lügen.«// ist älter und lässt sich als Sprichwort bereits im Althochdeutschen finden: //»Sô fremdin mære ie verrer fliegen, sô diu liute ie mêre geliegen.«//\\ ''Ida Freifrau von Reinsberg-Düringsfeld''\\ //Sprichwörter der germanischen und romanischen Sprachen vergleichend zusammengestellt.//  H. Fries Leipzig 1872)) Von Dichtern, Schriftstellern, Philosophen finden sich zahlreiche solcher Bonmots, die das [[wiki:reisen|Reisen]] loben. Dagegen wird es selten grundsätzlich verdammt, wie etwa von ''Blaise Pascal'' (1623-1662): //»Alles Unglück des Menschen kommt daher, daß er nicht ruhig in einem Zimmer verweilen kann.«// Viel häufiger sind die Warnungen vor der Ambivalenz des Reisens. Viele stimmen darin überein, dass die Disposition des [[wiki:reisende|Reisenden]] zur Reise darüber entscheidet, ob der [[wiki:reisende|Reisende]] bereichert zurückkehrt. Wer das Reisen lobt, lobt daher immer auch sich selbst und zweifelt daran, dass jeder es ihm gleich tun könne. Diese Überheblichkeit kontern Sesshafte skeptisch: //»Je weiter die Geschichte fliegt, je mächtiger sie lügt«// ((Das ''Voltaire'' zugeschriebene Bonmot// »Wer von weit her kommt, hat leicht lügen.«// ist älter und lässt sich als Sprichwort bereits im Althochdeutschen finden: //»Sô fremdin mære ie verrer fliegen, sô diu liute ie mêre geliegen.«//\\ ''Ida Freifrau von Reinsberg-Düringsfeld''\\ //Sprichwörter der germanischen und romanischen Sprachen vergleichend zusammengestellt.//  H. Fries Leipzig 1872))
  
-Für ''Laurence Sterne'' (1713-1768) war nur der »empfindsame« Reisende in der Lage zu reisen, nicht aber die Masse der aus //»Hochmut, Neugierde, Eitelkeit ...«// Reisenden ((//Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien//\\ London 1768)). Wie man die [[wiki:welt|Welt]] dagegen richtig anschaut, erklärten die zahlreichen [[wiki:apodemik|Apodemiken]] des [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 16. Jahrhundert|16.]], [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17.]] und [[wiki:reisegenerationen#18. Jahrhundert|18. Jahrhunderts]], die die richtige Weltanschauung zur »Wissenschaft« machen wollten.+Für ''Laurence Sterne'' (1713-1768) war nur der »empfindsame« Reisende in der Lage zu reisen, nicht aber die Masse der aus //»Hochmut, Neugierde, Eitelkeit ...«// Reisenden ((//Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien//\\ London 1768)). Wie man die [[wiki:welt|Welt]] dagegen richtig anschaut, erklärten die zahlreichen [[wiki:apodemik|Apodemiken]] des [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 16. Jahrhundert|16.]], [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17.]] und [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#18. Jahrhundert|18. Jahrhunderts]], die die richtige Weltanschauung zur »Wissenschaft« machen wollten.
  
 ==== Selbst reisen & sich verwirklichen ==== ==== Selbst reisen & sich verwirklichen ====
  
-Die Einigkeit über die richtige Weltanschauung verlor sich im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] und spätestens für ''Herrmann Graf Keyserling'' (1880-1946) war die [[wiki:welt|Welt]] nur noch Mittel zum Selbstzweck für den [[wiki:einzelne|Einzelnen]]: //»Was mich hinaustreibt in die weite Welt, ist eben das, was so viele ins Kloster getrieben hat: die Sehnsucht nach der Selbstverwirklichung.«// ((//Reisetagebuch eines Philosophen//. 1919)) Das Motiv kommt bei Laurence Sterne noch nicht vor, behauptet sich aber im [[wiki:reisegenerationen#20. Jahrhundert|20. Jahrhundert]] und findet erst im [[wiki:reisegenerationen#21. Jahrhundert|21. Jahrhundert]] seine Grenzen.+Die Einigkeit über die richtige Weltanschauung verlor sich im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] und spätestens für ''Herrmann Graf Keyserling'' (1880-1946) war die [[wiki:welt|Welt]] nur noch Mittel zum Selbstzweck für den [[wiki:einzelne|Einzelnen]]: //»Was mich hinaustreibt in die weite Welt, ist eben das, was so viele ins Kloster getrieben hat: die Sehnsucht nach der Selbstverwirklichung.«// ((//Reisetagebuch eines Philosophen//. 1919)) Das Motiv kommt bei Laurence Sterne noch nicht vor, behauptet sich aber im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#20. Jahrhundert|20. Jahrhundert]] und findet erst im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#21. Jahrhundert|21. Jahrhundert]] seine Grenzen
 +  * ''Karl Jaspers''\\ //Psychologie der Weltanschauungen.//\\ XII, 428 S. Berlin 1919: Springer.
  
-Die [[wiki:lebensreisestil|Lebensreisestile]] des 20. Jahrhunderts durchliefen etliche [[wiki:reisegenerationen|Reisegenerationen]], deren gemeinsames Bemühen darin bestand, Massen, Klassen und Konventionen zu überwinden. Das ist so gründlich gelungen, dass die Selbstverwirklicher heute reisen nicht um die Welt anzuschauen, sondern als Kulisse zu benutzen für Selfies:// »Hier bin nur Ich«.// Das Smartphone wird zum Spiegel des modernen Narziss, die Weltanschauung ist 4.096 Pixel breit. Nur Selbstanschauung ist Weltanschauung. Der Zusammenhang zwischen dem Posten von Selfies in sozialen Netzwerken (SNS) und der »dark triad« mit Narzissmus, Macchellianismus und Psychopathie ist nachgewiesen ((''Jesse Fox, Margaret C. Rooney''\\ //The Dark Triad and trait self-objectification as predictors of men's use and self-presentation behaviors on social networking sites//\\ in: Personality and Individual Differences, Volume 76, 2015,Pages 161-165,ISSN 0191-8869, https://doi.org/10.1016/j.paid.2014.12.017\\  http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0191886914007259)). +Die [[wiki:lebensreisestil|Lebensreisestile]] des 20. Jahrhunderts durchliefen etliche [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen|Reisegenerationen]], deren gemeinsames Bemühen darin bestand, Massen, Klassen und Konventionen zu überwinden. Das ist so gründlich gelungen, dass die Selbstverwirklicher heute reisen nicht um die Welt anzuschauen, sondern als Kulisse zu benutzen für Selfies:// »Hier bin nur Ich«.// Das Smartphone wird zum Spiegel des modernen Narziss, die Weltanschauung ist 4.096 Pixel breit. Nur Selbstanschauung ist Weltanschauung. Der Zusammenhang zwischen dem Posten von Selfies in sozialen Netzwerken (SNS) und der »dark triad« mit Narzissmus, Macchellianismus und Psychopathie ist nachgewiesen ((''Jesse Fox, Margaret C. Rooney''\\ //The Dark Triad and trait self-objectification as predictors of men's use and self-presentation behaviors on social networking sites//\\ in: Personality and Individual Differences, Volume 76, 2015,Pages 161-165,ISSN 0191-8869, https://doi.org/10.1016/j.paid.2014.12.017\\  http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0191886914007259)). 
  
 Die [[wiki:sehnsucht|Sehnsucht]] nach dem kleinen Kreis, in dem das eigene Selbst das Zentrum darstellt, um das alles kreist, lässt sich auf der individuellen Ebene als **Infantilisierung** deuten ((''Robert Harrison''\\ //Ewige Jugend//\\ Carl Hanser Verlag, München 2015. ISBN 9783446249202)). Dagegen bedeutet Erwachsen zu werden, dieses Zentrum mit anderen zu teilen, also Selbstlosigkeit mit Verantwortung zu paaren. Mensch zu werden bedeutet viele solcher Schritte zu gehen, wie der Dalai Lama in seiner Rede vor der UNO 1993 beschrieb, dass letztlich nämlich **universelle Verantwortung** und Menschenrechte zusammengehören. Nach [[wiki:glueck|Glück]] zu streben darf nicht auf Kosten anderer gehen. Die [[wiki:sehnsucht|Sehnsucht]] nach dem kleinen Kreis, in dem das eigene Selbst das Zentrum darstellt, um das alles kreist, lässt sich auf der individuellen Ebene als **Infantilisierung** deuten ((''Robert Harrison''\\ //Ewige Jugend//\\ Carl Hanser Verlag, München 2015. ISBN 9783446249202)). Dagegen bedeutet Erwachsen zu werden, dieses Zentrum mit anderen zu teilen, also Selbstlosigkeit mit Verantwortung zu paaren. Mensch zu werden bedeutet viele solcher Schritte zu gehen, wie der Dalai Lama in seiner Rede vor der UNO 1993 beschrieb, dass letztlich nämlich **universelle Verantwortung** und Menschenrechte zusammengehören. Nach [[wiki:glueck|Glück]] zu streben darf nicht auf Kosten anderer gehen.
Zeile 28: Zeile 29:
 ==== Einstürzende Weltbilder ==== ==== Einstürzende Weltbilder ====
 Weltlos zu sein statt selbstlos zu werden lässt sich auch im Sinne einer Reaktion auf zu viele //narzisstische [[wiki:Kränkungen der Menschheit |Kränkungen]]// verstehen ((''Siegmund Freud''\\ //Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse//\\ 1917)). Auf der Ebene der Menschheit begannen diese Kränkungen damit, dass ''Kopernikus'' 1517 erklärte, die [[wiki:welt|Welt]] stünde nicht im Mittelpunkt des Universums. Seither werden solche Kränkungen immer persönlicher: Nein, der Mensch ist keine besondere Schöpfung, sondern mit dem Affen verwandt (''Darwin'' 1859); Nein, der Mensch weiß nicht, was er tut (''Freud'' 1895) und aktuell droht die Künstliche Intelligenz mit der //technologischen Singularität//. Weltanschauung? Soll die Welt doch mich anschauen. Weltlos zu sein statt selbstlos zu werden lässt sich auch im Sinne einer Reaktion auf zu viele //narzisstische [[wiki:Kränkungen der Menschheit |Kränkungen]]// verstehen ((''Siegmund Freud''\\ //Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse//\\ 1917)). Auf der Ebene der Menschheit begannen diese Kränkungen damit, dass ''Kopernikus'' 1517 erklärte, die [[wiki:welt|Welt]] stünde nicht im Mittelpunkt des Universums. Seither werden solche Kränkungen immer persönlicher: Nein, der Mensch ist keine besondere Schöpfung, sondern mit dem Affen verwandt (''Darwin'' 1859); Nein, der Mensch weiß nicht, was er tut (''Freud'' 1895) und aktuell droht die Künstliche Intelligenz mit der //technologischen Singularität//. Weltanschauung? Soll die Welt doch mich anschauen.
 +
 +  * ''Steffen Mau'', ''Thomas Lux'', ''Linus Westheuser''\\ //Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft.//\\ 540 S.Berlin 2023: Suhrkamp.\\ Neu ist eine Typologie von vier Triggern:
 +    * gebrochene Egalitätserwartungen, 
 +    * Enttäuschungen von Normalitätserwartungen, 
 +    * Verletzungen von Kontrollerwartungen,
 +    * Eingriffe in Autonomieerwartungen.
  
 Die [[wiki:welt|Welt]] bedrängt uns mit [[wiki:europa|Europa]], [[wiki:globalisierung|Globalisierung]], Internet, Erreichbarkeit ((''Gerhard Vollmer''\\ //Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen//\\ In: Arbeitsgruppe Mensch – Technik – Umwelt. Hrsgg. von H.-H. Franzke, Technische Universität Berlin, Schriftenreihe Technik und Gesellschaft, Heft 3 (1999) 67–85)) und macht sich zunehmend unbeliebt, während die Reisenden mit ihren unglaublichen Geschichten früher unterhaltsam waren:  Die [[wiki:welt|Welt]] bedrängt uns mit [[wiki:europa|Europa]], [[wiki:globalisierung|Globalisierung]], Internet, Erreichbarkeit ((''Gerhard Vollmer''\\ //Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen//\\ In: Arbeitsgruppe Mensch – Technik – Umwelt. Hrsgg. von H.-H. Franzke, Technische Universität Berlin, Schriftenreihe Technik und Gesellschaft, Heft 3 (1999) 67–85)) und macht sich zunehmend unbeliebt, während die Reisenden mit ihren unglaublichen Geschichten früher unterhaltsam waren: 
wiki/weltanschauung.1690345411.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

Donate Powered by PHP Valid HTML5 Valid CSS Driven by DokuWiki