→ Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten
Das griechische Wort ἀποδημέω 1) bedeutet so viel wie »fort von zu Hause«, insbesondere im Militärdienst. In der Literatur bezeichnet es seit dem 16. Jahrhundert einen Teil der Reiseliteratur mit Berührungspunkten zu Thesaurus Peregrinantium, Hodoeporicon, Itinerar, Reisebericht, Reiseführer und Länderkunde. Eine Apodemik ist gekennzeichnet durch drei Komponenten:
Neu an der Apodemik war zum einen das Schaffen einer Methodik, zum zweiten die Verbreitung über das Buch und drittens der Versuch die »richtige« Reise nach gesellschaftlich akzeptierten Regeln zu formen, also über das handwerkliche hinaus eine Reisekunst zu entwerfen. Sie machte die Reise zu einer Schule des Sehens, zur Methodik der Weltanschauung, die daher auch den Zeitläuften entsprechend wechselt (Reisegenerationen) und die literarischen Formen verändert.
Die Apodemik zeigt daher auch einen Paradigmenwechsel an, vom Held und Ritter hin zum Entdecker und Erforscher. Der beste Kenner dieser Literaturgattung Justin Stagl 2) legt den Beginn auf das Jahr 1574 (Hieronymus Turler) und deren Abschluss auf 1795 (Franz Posselt) → Zeitleiste der Reiseanleitungen.
Ludwig Schudt 3) liefert eine sehr schöne Einführung zur Frage, warum man reisen und welche Zwecke man dabei verfolgen soll. Er sieht mehrere Autoren am Werk, deren Abhandlungen er ideengeschichtlich als identisch einschätzt:
Justus Lipsius (1547–1636) mit seinem Brief 1578 an Philippe de Lannoy: De Ratione cum fructu peregrinandi, & praesertim in Italia, der 1586 gedruckt und veröffentlicht wurde (Epistola ad Philipp Lanoyum. Antwerpiae, 1586. 1, 22, 3) 4), basierend auf seinem Italienaufenthalt 1567 bis 1569.Hilarius Pyrckmair (belegt 1551–1600) veröffentlichte 1591 De Arte peregrinandi libri II, ein mehrteiliges Werk, bestehend aus:Hilarius Pyrckmair, um 1550 bis ca. 1616Hieronymus Turlerus, belegt 1560 als Professor in Marburg bis Ende 1602Wilhelm Gratarolus, 1516–1568 Philalethe Polytopiensi cive [i.e. Ortensio Landi, 1512-1553]Paul Hentzner, 1558–1623 Daniel Gruber, 1688–1748Hugo Plotius, 1533–1588
Die bei den Genannten entwickelte Methodik findet sich erstmals 5) grafisch aufbereitet und als strukturierte Tabelle („incerto auctore“ - Bild) bei Chytraeus und wird im 17. Jahrhundert von zahlreichen Autoren (Schott 1599, Weigel 1601, Eichow 1604, Ens 1609, Hentzner 1612,Neumaier 1622 …) übernommen.
Nathan Chytraeus, 1543–1594»Die wahre Reise sucht keine neuen Landschaften, sondern entdeckt Neues im Altbekannten.« Marcel Proust (1871−1922)
Lüdde nennt 1848 125 Titel, Monga listet 1996 knapp 100 Titel, Stagl (Apodemiken, 1983) führt 285 Titel auf, im Onlineportal Art of Travel werden ab 2017 rund 250 Titel online beschrieben, dort wird der Umfang des Corpus auf 500–600 Titel geschätzt. Dort werden alle Titel einer oder mehrerer Kategorien zugewiesen, die Auswertung einer Stichprobe (gut 150 Titel) ergab folgende Schwerpunkte (gerundet)
Bisher unberücksichtigt scheinen die Vorworte der Reisesammlungen zu sein. Deren Herausgeber formulierten regelmäßig ihre Überlegungen zum Nutzen dieser Sammlungen von Reiseberichten und berühren dabei apodemische Ideen.
Bis in die Gegenwart Werke erschienen, die als Ratgeber für zeittypische Reiseformen apodemische Züge aufweisen, siehe die Literaturliste Apodemik/Reisetechnik. Abhanden gekommen ist diesen jedoch die Funktion, individuelles Reisen als gesellschaftlich wertvoll zu verstehen. Das Zeitalter der Entdeckungen ist vorbei, weil die Erde rund und alles bekannt ist. Touristen können durch Reisen nichts Neues mitbringen, geblieben sind die Souvenirs.
→ Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten zu Reiseanleitungen, Reisesammlungen und Itinerare
Vergleiche auch:
→ Zeitleiste des Weltbildes
→ Liste der Beförderungssysteme
→ Zeitleiste der Pilgerfahrten
→ Ausstellung 2014 Vedi Napoli e poi muori – Grand Tour der Mönche
→ Bildungsreisen
→ Literaturliste Grand Tour
Justin StaglLudwig Schudt