====== Apodemik ====== → [[synopse_a|Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten]] Das griechische Wort //ἀποδημέω// ((Pl. Lg. 954b, Ar. Lys. 100-1, Ar. Nub. 371.)) bedeutet so viel wie »fort von zu Hause«, insbesondere im Militärdienst. In der Literatur bezeichnet es seit dem [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 16. Jahrhundert|16. Jahrhundert]] einen Teil der [[wiki:reiseliteratur|Reiseliteratur]] mit Berührungspunkten zu Thesaurus [[peregrinatio|Peregrinantium]], [[wiki:hodoeporicon|Hodoeporicon]], [[wiki:itinerar|Itinerar]], Reisebericht, [[wiki:reisefuehrer|Reiseführer]] und Länderkunde. Eine Apodemik ist gekennzeichnet durch drei Komponenten: * eine //Lehre// zum richtigen Reisen (»[[wiki:reisekunst|Reisekunst]]«) im Unterschied zur [[wiki:oditologie|Oditologie]] und zur [[wiki:ars_viatica|ars viatica]],\\ also etwa als Entdeckungsreise, [[wiki:grand_tour|Grand Tour]] oder [[wiki:bildungsreise|Bildungsreise]] für Gelehrte, [[wiki:erforscher|Forscher]], Künstler, Gentlemen, Adlige; * daraus abgeleitete //Verhaltenshinweisen und nützliche Praktiken//,\\ also Reisezeit und -[[wiki:routen|route]], [[wiki:kochen_und_essen|Ernährung]], [[wiki:transport|Transport]] ([[wiki:weg|Wege]], [[wiki:strasse|Straßen]], [[wiki:fahrzeugart|Verkehrsmittel]]), Infrastruktur, Dokumentation, Kommunikation; * Kriterien für die //[[wiki:weltanschauung|Sicht auf die Welt]]// und deren Aneignung,\\ also etwa das Sammeln von [[wiki:wissen|Wissen]], Besuchen von Sehenswürdigkeiten, Gespräche mit wichtigen Leuten. Neu an der Apodemik war zum einen das Schaffen einer Methodik, zum zweiten die Verbreitung über das Buch und drittens der Versuch die »richtige« Reise nach gesellschaftlich akzeptierten Regeln zu formen, also über das handwerkliche hinaus eine [[wiki:Reisekunst|Reisekunst]] zu entwerfen. Sie machte die Reise zu einer //Schule des Sehens//, zur Methodik der [[wiki:weltanschauung|Weltanschauung]], die daher auch den Zeitläuften entsprechend wechselt ([[wiki:reisegenerationen|Reisegenerationen]]) und die literarischen Formen verändert. Die Apodemik zeigt daher auch einen Paradigmenwechsel an, vom [[wiki:held|Held]] und Ritter hin zum [[wiki:erforscher|Entdecker]] und Erforscher. Der beste Kenner dieser Literaturgattung ''Justin Stagl'' ((''Justin Stagl''\\ Apodemiken//. Eine räsonnierte Bibliographie der reisetheoretischen Literatur des 16., 17., und 18. Jahrhunderts.//\\ Wien 1983\\ derselbe: //Ars apodemica and Socio-Cultural Research//. S. 17–27 in: Karl A.E. Enenkel, Jan L. de Jong (Hg.): Artes Apodemicae and Early Modern Travel Culture, 1550–1700. Leiden 2019: Brill. [[https://doi.org/10.1163/9789004401068_003|DOI]] )) legt den Beginn auf das Jahr 1574 (''Hieronymus Turler'') und deren Abschluss auf 1795 (''Franz Posselt'') → [[zeitleiste_reiseanleitungen|Zeitleiste der Reiseanleitungen]]. ''Ludwig Schudt'' ((''Ludwig Schudt'' \\ Kapitel: //Reiseeindrücke. In itineribus observanda.//\\ S. 135–189 in seinem Werk: //Italienreisen im 17. und 18. Jahrhundert//, Wien, München: Schroll 1959. Römische Forschungen der Bibliotheca Hertziana, 15. [[https://doi.org/10.11588/diglit.48523|Online]])) liefert eine sehr schöne Einführung zur Frage, warum man reisen und welche Zwecke man dabei verfolgen soll. Er sieht mehrere Autoren am Werk, deren Abhandlungen er ideengeschichtlich als identisch einschätzt: * ''Justus Lipsius'' (1547–1636) mit seinem Brief 1578 an ''Philippe de Lannoy'': //De Ratione cum fructu peregrinandi, & praesertim in Italia//, der 1586 gedruckt und veröffentlicht wurde (//Epistola ad Philipp Lanoyum.// Antwerpiae, 1586. 1, 22, 3) (( Schudt schrieb 1959, dieser Brief sei erst 1631 gedruckt worden in Thomae Erpenii... de Peregrinatione Gallica utiliter instituenda tractatus. Item Brevis admodum totius Galliae descriptio : et Justi Lipsii... Epistola de peregrinatione Italica. apud Franciscum Hegerum, Lugduni Batavorum, 1631 )), basierend auf seinem Italienaufenthalt 1567 bis 1569.\\ Ziemlich praxisnah formuliert er die beiden Hauptziele des Reisens, nämlich erstens den größtmöglichen Nutzen für das weitere Leben daraus zu ziehen (utilitas) und zweitens die Annehmlichkeiten in der Fremde zu genießen (voluptas). Das beste Mittel dazu sei es, sich in ständigem engen Kontakt mit den Menschen des Gastlandes bestmöglich zu informieren: »Hic quaerat ergo potius de moribus, legibus, facie cuiusque urbis, principibus, bellis, casibus, aut si quid alias eventuum illuc insigne annotandum …«, eine Empfehlung, die nachfolgend von zahlreichen Autoren kopiert wurde. * ''Hilarius Pyrckmair'' (belegt 1551–1600) veröffentlichte 1591// De Arte peregrinandi libri II//, ein mehrteiliges Werk, bestehend aus: * ''Hilarius Pyrckmair'', um 1550 bis ca. 1616\\ //Commentariolus de arte apodemica, seu vera peregrinandi ratione// * ''Hieronymus Turlerus'', belegt 1560 als Professor in Marburg bis Ende 1602\\ //De peregrinatione & agro napoletano libri duo// * ''Wilhelm Gratarolus'', 1516–1568 \\ //De regimine iter agentium//, ein ärztlicher Ratgeber * ''Philalethe Polytopiensi'' cive [i.e. ''Ortensio Landi'', 1512-1553]\\ //Forcianae quaestiones, in quibus varia Italorum ingenia explicantur, multa[que] alia scitu non indigna// * ''Paul Hentzner'', 1558–1623 \\ //Itinerarium Germaniae, Galliae, Angliae, Italiae, cum Indice Locorum, Rerum atque Verborum.//\\ Noriberga 1612: Wagenmann. [[https://www.digitale-sammlungen.de/view/bsb10366651?page=1|Online 1612]], [[https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k105836b|Online Ausgabe 1617]], [[https://www.gutenberg.org/ebooks/1992|Travels in England during the reign of Queen Elizabeth …]] \\ begleitete Christoph von Rehdiger (1579–1636) aus Schlesien ab Mai 1596 und bis 1600 als [[wiki:begleiter|Tutor]] durch die Schweiz, Frankreich, England und Italien. * ''Daniel Gruber'', 1688–1748\\ //Discursus de peregrinatione studiosorum// * ''Hugo Plotius'', 1533–1588\\ //Tabula peregrinationis continens capita politica//\\ Eine Liste von 122 Themen, die Reisende erfragen sollten. Die bei den Genannten entwickelte Methodik findet sich erstmals ((Schudt S. 139)) grafisch aufbereitet und als strukturierte Tabelle („incerto auctore“ - {{:wiki:chytraeus-1594-incerto_auctoris.jpg?linkonly|Bild}}) bei ''Chytraeus'' und wird im 17. Jahrhundert von zahlreichen Autoren (Schott 1599, Weigel 1601, Eichow 1604, Ens 1609, Hentzner 1612,Neumaier 1622 ...) übernommen. * ''Nathan Chytraeus'', 1543–1594\\ Variorvm In Evropa Itinervm Deliciæ : Sev, Ex Variis Manv-Scriptis Selectiora Tantvm Inscriptionvm Maxime recentium Monvmenta : Quibus passim in Italia Et Germania, Helvetia Et Bohemia, Dania Et Cimbria, Belgio Et Gallia, Anglia Et Polonia &c. Templa, Arae, Scholae, Bibliothecae [...] &c. conspicua sunt : Præmissis in clariores vrbes Epigrammatibus Iulii Cæs. Scaligeri.\\ [10] Bl., 846 S. [Christoph Corvinus (=Rab)], Herbornæ Nassouiorum, 1594. [[http://dlibra.umcs.lublin.pl/publication/18067|Online]] »Die wahre Reise sucht keine neuen Landschaften, sondern entdeckt Neues im Altbekannten.« Marcel Proust (1871−1922) ''Lüdde'' nennt 1848 125 Titel, ''Monga'' listet 1996 knapp 100 Titel, ''Stagl'' (Apodemiken, 1983) führt 285 Titel auf, im Onlineportal //Art of Travel// werden ab 2017 rund 250 Titel online beschrieben, dort wird der Umfang des Corpus auf 500--600 Titel geschätzt. Dort werden alle Titel einer oder mehrerer Kategorien zugewiesen, die Auswertung einer Stichprobe (gut 150 Titel) ergab folgende Schwerpunkte (gerundet) * 50% Überlegungen zum Nutzen des Reisens * 45% Moralische Aspekte ... * 25% Methoden und Reiserouten * 23% Hinweise zum Schreiben (Dokumentation, Reisebericht) * 22% Praktische Hinweise * 20% Nutzen für die Bildung * 14% Imagologie der Völker * 10% Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung * ... Bisher unberücksichtigt scheinen die Vorworte der [[reisesammlungen|Reisesammlungen]] zu sein. Deren Herausgeber formulierten regelmäßig ihre Überlegungen zum Nutzen dieser Sammlungen von Reiseberichten und berühren dabei apodemische Ideen. Bis in die Gegenwart Werke erschienen, die als [[wiki:Selbstreise-Handbuch|Ratgeber]] für zeittypische Reiseformen apodemische Züge aufweisen, siehe die [[wiki:zeitleiste_reiseanleitungen|Literaturliste Apodemik/Reisetechnik]]. Abhanden gekommen ist diesen jedoch die Funktion, individuelles Reisen als gesellschaftlich wertvoll zu verstehen. Das Zeitalter der Entdeckungen ist vorbei, weil die Erde rund und alles bekannt ist. Touristen können durch Reisen nichts Neues mitbringen, geblieben sind die Souvenirs. ==== Begriffsfeld ==== * nach der Form: Epistola, Essay, Oratio, Quaestiones, Tabula, Tractatus * nach der Methode: Direction, Instruction, [[wissen|Knowledge]], Lucubrationes, Methodus (peregrinandi/apodemica), Observationes * Kategorie: [[apodemik|Apodemica]], Arte del navegar, de arte peregrinandi, [[hodoeporicon|Hodoeporicon]], Iter …, [[itinerar|Itinerar]], Libellus, Nautica, Reißbuch, Rollwagenbüchlin * [[peregrinatio|Peregrinatio]], [[travel|Travel]] (trauailer), Viaggi, Viatoribus & Peregrinatoribus ===== Verweise ===== **→ [[synopse_a|Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten zu Reiseanleitungen, Reisesammlungen und Itinerare]]**\\ Vergleiche auch:\\ → [[wiki:zeitleiste_weltbilder|Zeitleiste des Weltbildes]]\\ → [[wiki:liste_befoerderungssysteme|Liste der Beförderungssysteme]]\\ → [[wiki:zeitleiste_pilgerfahrten|Zeitleiste der Pilgerfahrten]]\\ → Ausstellung 2014 [[wiki:ausstellungsliste_mission_glaube_kirche|Vedi Napoli e poi muori – Grand Tour der Mönche]]\\ → [[bildungsreise|Bildungsreisen]] → Literaturliste [[literaturliste_grand_tour|Grand Tour]]\\