System

Das altgriechische sýstema bezeichnet etwas, das aus Teilen besteht, also ein Gebilde, etwas Verbundenes oder Zusammengestelltes. Naturphilosophisch betrachtet ist also alles System, da sich alles zerlegen lässt: Stoffe in Moleküle, Moleküle in Atome, diese in Elementarteilchen usw. Dann wäre der Begriff also weitgehend sinnlos.

Tatsächlich steht er aber für das menschliche Anliegen etwas, das er nicht versteht, zu zerlegen. Die Natur ist Natur, erst der Blick des Menschen macht daraus ein Ökosystem. Je genauer man hinschaut, desto komplexer wird es. Pflanzenkunde etwa besteht darin, eine Pflanze zu zerlegen in Wurzel, Stengel, Blatt, Blüte usw. Das lässt sich wunderbar mit Fachbegriffen beschreiben und definieren und führt zu einem tieferen Verständnis, der »Systematik des Pflanzenreichs«. Zerlegen ist aber immer auch ein Zerstören - man kann die Pflanze nicht mehr zusammensetzen, sie ist tot. Es muss also etwas verloren gegangen sein. Was das ist, vermag die Pflanzensystematik aber nicht zu sagen. Dem anscheinend »tieferen Verständnis« fehlt das Wesentliche.

Das Systemdenken ist einerseits außerordentlich fruchtbar. Es ist andererseits beschränkt, weil es nie mehr enthält als es sich der jeweilige Anwender des Systemdenkens vorstellen kann. Das System ist nicht die Wirklichkeit sondern die Vorstellung der Wirklichkeit, an die wir glauben und die wir als liebgewonnene Illusionen pflegen 1).

Die »Allgemeine Systemtheorie« im Sinne von Niklas Luhmann lässt sich auf alle Sachgebiete anwenden; eine Systemtheorie der Technik hat Günter Ropohl ausgearbeitet. Sie basiert auf der Vorstelllung eines »soziotechnischen Handlungssystems«, das also nicht nur auf die Technik schaut, sondern auf die Verwendung der Technik im menschlichen Handeln:

»Technik umfasst die Menge der 
(a) nutzenorientierten, künstlichen, gegenständlichen Gebilde (Artefakte, Sachsysteme),
(b) menschlicher Handlungen und Einrichtungen, in denen Sachsysteme entstehen und 
(c) menschlicher Handlungen, in denen Sachsysteme verwendet werden.«

Umgangssprachlich neigen wir dazu, alles als System zu bezeichnen, was man nicht versteht; besonders tiefe Hilfslosigkeit wird zu einem „komplexen System“. Bewegt sich das Ganze, wird es zum Prozess. Besonders häufig betroffen sind »technische Systeme« - Antriebssystem, Bremssystem, Batteriemanagementsystem usw. - und deren »Systemfehler«, die eben häufig Konstruktionsfehler sind, also Denkfehler. Sehr unterhaltsam hat sich damit John Gall befasst, dessen Systemantics leider nicht übersetzt vorliegt 2).


1)
vergleichbar mit Platons Höhlengleichnis
2)
John Gall
The Systems Bible.
The Beginner's Guide to Systems Large and Small

General Systemantics Press/Liberty 2003. ISBN 0-9618251-7-0 (dritte Ausgabe der 1978 erschienenen Erstausgabe Systemantics: How Systems Really Work and How They Fail