Immermehrismus

  1. Publizistik: »Immer mehr …« - egal, was danach kommt, die Spannung steigt. Im Journalismus ist der Immermehrismus ein Allgemeinplatz, der immer dann zur Hand ist, wenn man keine Zahlen hat. Deswegen ist auch das Gegenteil schlecht zu beweisen. Wenn der Beitrag im Mittelteil viel Geschwurbele bringt und mit » …bleibt abzuwarten« endet, hat man seine Zeit verschwendet. 1)
  2. Wirtschaft: »Das Ziel ist Wachstum.« Jeder nickt, aber der Satz ist Quatsch. Wachstum, also ein »Immer mehr«, ist zwar das Ergebnis guten Wirtschaftens, aber eigentlich ein Nebeneffekt, weil die Wurzel des Erfolges darin begründet ist, das jemand gutes Brot backt, sein Handwerk solide betreibt, ein vertrauenswürdiger Kaufmann ist, ein Manager, der für seine Angestellten da ist usw.
  3. Technik: Der Immermehrismus wird besonders an Großprojekten deutlich: das Bahnnetz, der Berliner Hauptstadtflughafen BER, Stuttgart 21, Boeing 737max, Elbphilharmonie usw. laufen hinsichtlich Kosten und Bauzeit aus dem Ruder. Ursächlich ist dabei das »Draufsatteln«:
    Erstens entspricht die Planung nicht den Bedürfnissen der Nutzer, daher werden während des Baus neue Funktionen »angeflanscht«.
    Zweitens ändern sich die politischen Anforderungen, weil unterschiedliche Gruppen (Anwohner, Naturschützer) ihre Interessen erst während des Baus durchsetzen.
    Drittens verändern sich die formalen Anforderungen (Gesetzgebung, Grenzwerte) während der extrem verlängerten Bauzeit.
  4. Alltag: Das neue Smartphone, ein neuer Laptop, ein neues Auto, der Hausbau … Je mehr man sich mit dem Wünschenswerten beschäftigt, desto höher die Ansprüche. Die Träume dann wieder auf das Nötige und Mögliche zu reduzieren, fällt schwer. Die langweilige Alternative zum Impulskauf ist eine begründete *Beschaffungsplanung.
  5. Reisen: Der Nachteil des Rucksackreisens - das Tragen - gerät zum Vorteil, weil man Aussortieren muss: »If in doubt, take it out«. Immermehrismus findet hier schnell seine Grenzen. Und man kann lernen, dass Erfahrung, *Wissen und Reiselust jede Menge unnötiger Ausrüstung ersetzen. Der Umfang des Gepäck ist umgekehrt proportional zum *Reise-Know-How, denn wer ängstlich ist, unsicher und unerfahren wird für jede denkbare Situation ein Mittelchen einpacken wollen. Das geht nicht gut.
1)
Hans-Bernd Brosius
Der „Immermehrismus“: Journalistische Stilmittel oder Realitätsverzerrung.\\Publizistik, 1991, 36, 407-427.
Alexander Görke, Hans Peter Peters
Wider den Immermehrismus. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit im Umgang mit den Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation
Forschung & Lehre 09/17