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wiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen

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 In müssige, neugierige, aufgeblasene, eitle und milzsüchtige Reisende teilte Yorick seine Mitreisenden ein, denen er in den Gasthöfen und Diligencen des Kontinents begegnete, so weit sie nicht „Reisende aus Notwendigkeit“ oder geschäftlichen Absichten waren. Seitdem hat das neunzehnte Jahrhundert eine neue Gattung hervorgebracht, die alle andern aus dem Felde geschlagen und sich das breite und plumpe Übergewicht erobert hat, das sind die Reisenden aus Mode, von denen die aus Sport nur eine Unterabteilung sind. Die Mode ist bekanntlich ein Ding, das mit ernsthafter Überlegung und vernünftigen Absichten möglichst wenig zu thun hat. Das ist es denn auch, was den üblichen Modereisenden unsrer Zeit von allen andern unterscheidet, denn alle frühern, selbst „der müssige Reisende," ließen sich, wie wiederum Yorick selber bezeugt, doch immer noch „deshalb von Boots- und Postknechten durch die zivilisirten Reiche dieses Erdbodens schleppen, weil sie Kenntnisse und Wissen erlangen wollten." Davon ist bei den Modereisenden nicht mehr die Rede.  In müssige, neugierige, aufgeblasene, eitle und milzsüchtige Reisende teilte Yorick seine Mitreisenden ein, denen er in den Gasthöfen und Diligencen des Kontinents begegnete, so weit sie nicht „Reisende aus Notwendigkeit“ oder geschäftlichen Absichten waren. Seitdem hat das neunzehnte Jahrhundert eine neue Gattung hervorgebracht, die alle andern aus dem Felde geschlagen und sich das breite und plumpe Übergewicht erobert hat, das sind die Reisenden aus Mode, von denen die aus Sport nur eine Unterabteilung sind. Die Mode ist bekanntlich ein Ding, das mit ernsthafter Überlegung und vernünftigen Absichten möglichst wenig zu thun hat. Das ist es denn auch, was den üblichen Modereisenden unsrer Zeit von allen andern unterscheidet, denn alle frühern, selbst „der müssige Reisende," ließen sich, wie wiederum Yorick selber bezeugt, doch immer noch „deshalb von Boots- und Postknechten durch die zivilisirten Reiche dieses Erdbodens schleppen, weil sie Kenntnisse und Wissen erlangen wollten." Davon ist bei den Modereisenden nicht mehr die Rede. 
  
-Ohne Widerspruch wird freilich der Satz nicht bleiben, daß für die große Mehrheit der modernen Reisenden die Erweiterung des Gesichtskreises aufgehört habe, der Reisezweck zu sein. Aber es ist so. Man behauptet auch in der That gar nicht mehr, daß man reise, um sich zu bilden. Wer wird denn auch in unsrer herrlichen Zeit der allgemeinen Bildung, wo einem jede Köchin kündigen würde, der man sich etwa zu sagen erlaubte, daß sie nicht auf der obersten Stufe der Bildung stehe, eingestehen, daß er durch Reisen etwas lernen könne? Nein, man giebt ganz andre Gründe für seine Reisen die Badereisen lasse ich hier beiseite -: man reist, weil man es sich leisten kann, weil man es seiner pekuniären Stellung schuldig ist, oder anders ausgedrückt: Buchholzens reisen, weil es Bergfeldts ärgert. Andre meinen, sie würden sich „amüsiren." Ach, welche Enttäuschungen erleben sie! Hätten sie doch lieber dasselbe Geld in Frühschoppen, Schaumtorte und Zirkusbesuch angelegt! Natürlich behaupten sie aber hinterher doch, sie hätten sich „köstlich amüsirt," es sei „himmlisch" in Italien u. s. w. Da braucht man nur einmal die Probe zu machen und wenn sie so recht in allgemeinen Redensarten schwelgen, ganz leise anzufangen auf Italien zu räsonniren - mit welchem +Ohne Widerspruch wird freilich der Satz nicht bleiben, daß für die große Mehrheit der modernen Reisenden die Erweiterung des Gesichtskreises aufgehört habe, der Reisezweck zu sein. Aber es ist so. Man behauptet auch in der That gar nicht mehr, daß man reise, um sich zu bilden. Wer wird denn auch in unsrer herrlichen Zeit der allgemeinen Bildung, wo einem jede Köchin kündigen würde, der man sich etwa zu sagen erlaubte, daß sie nicht auf der obersten Stufe der Bildung stehe, eingestehen, daß er durch Reisen etwas lernen könne? Nein, man giebt ganz andre Gründe für seine Reisen die [[baederreise|Badereisen]] lasse ich hier beiseite -: man reist, weil man es sich leisten kann, weil man es seiner pekuniären Stellung schuldig ist, oder anders ausgedrückt: Buchholzens reisen, weil es Bergfeldts ärgert. Andre meinen, sie würden sich „amüsiren." Ach, welche Enttäuschungen erleben sie! Hätten sie doch lieber dasselbe Geld in Frühschoppen, Schaumtorte und Zirkusbesuch angelegt! Natürlich behaupten sie aber hinterher doch, sie hätten sich „köstlich amüsirt," es sei „himmlisch" in Italien u. s. w. Da braucht man nur einmal die Probe zu machen und wenn sie so recht in allgemeinen Redensarten schwelgen, ganz leise anzufangen auf Italien zu räsonniren - mit welchem 
  
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wiki/1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen.1768231554.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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